Berichte

Die aktuelle Andacht

„Gott spricht: Siehe, ich mache alles neu!“ (Offenbarung 21,5)
In einem unserer Kinderbücher „Häschen tröstet“ geht es um einen kleinen Jungen namens Charlie, der voller Stolz einen riesigen Turm aus Bauklötzen fertig stellt. Bis aus dem Nichts ein Schwarm Raben über das Gebilde hinwegfliegt und alles in sich zusammenstürzt. Für Charlie bricht mit diesem Turm auch eine Welt zusammen. Traurig kauert er in einer Ecke, das Gesicht vergraben hinter Armen und Knien. Und nach und nach besuchen ihn ein paar Tiere, um sich seiner anzunehmen. Als erstes kommt das Huhn und meint, es könne Charlie trösten, indem es ihm anbietet darüber zu reden. Aber Charlie will nicht reden. Dann kommt der Bär, der meint, es würde vielleicht helfen, wenn Charlie seine Wut rauslässt und sie gemeinsam rumbrüllen. Aber Charlie will nicht brüllen. Der Elefant findet, Charlie müsse sich nur genau daran erinnern, wie der Turm aussah und dann könnten sie ihn gemeinsam wieder aufbauen, aber Charlie will sich nicht erinnern. Die Hyäne denkt, Lachen würde helfen, der Strauß will sich verstecken und tun, als wäre nichts passiert. Das Känguru will alles wegwerfen und die Schlange Charlie dazu anstiften, etwas von jemand anderem kaputt zu machen. Doch Charlie will von all dem überhaupt nichts machen und so gehen die Tiere, einer nach dem anderen, wieder weg. Und dann kommt das Häschen. Es sagt nichts, es tut nichts, es setzt sich einfach nur ganz nah an Charlie heran, bis er seine Nähe spüren kann. So sitzen sie in der Stille zusammen bis sich in Charlie etwas bewegt. Auf einmal will er reden – und das Häschen hört zu. Dann brüllt er vor Wut – und das Häschen hört zu. Das Häschen hört zu wie Charlie sich erinnert und lacht. Es hört sich seine Pläne an, sich zu verstecken, alles wegzuwerfen und etwas von jemand anderem kaputt zu machen. Und bei all dem geht das Häschen nie weg. Und als die Zeit reif ist, hört es sich Charlies Plan an, wieder etwas Neues zu bauen.
„Siehe, ich mache alles neu.“
Der Soziologe Hartmut Rosa schreibt: „Früher habe ich immer gesagt, Demokratie funktioniert nur, wenn jede und jeder eine Stimme hat, die hörbar gemacht wird. In letzter Zeit komme ich aber zu der Überzeugung: Es gehören auch Ohren dazu. Es reicht nicht, dass ich eine Stimme habe, die gehört wird, ich brauche auch Ohren, die die anderen Stimmen hören. Und ich würde sogar noch darüber hinausgehen und sagen, mit den Ohren braucht es auch dieses hörende Herz, das die anderen hören und ihnen antworten will.“
„Gott spricht: Siehe, ich mache alles neu!“ – das ist die Jahreslosung für 2026. Beim ersten Lesen dieses Verses dachte ich: Echt jetzt? In dieser Welt verändert sich gerade so viel. Alles muss neu sein, schneller, besser, höher, weiter. Geltende Gesetze für das Miteinander, hart erarbeitete Menschenrechte, Friedenszusagen werden aus den Angeln gehoben – die Mächtigen der Welt gestalten diese zunehmend nicht nach dem Wohle der Menschheit, sondern zugunsten ihrer Macht. Für mich fühlt es sich an manchen Tagen so an, als könnten wir all diesen rasenden Veränderungen selbst gar nichts mehr entgegen bringen. Und dann kommt jetzt auch noch Gott und will alles neu machen. Aber was genau heißt das? Reset-Knopf drücken? Auf Werkseinstellung zurücksetzen? Und dann nochmal ein neuer Versuch mit uns und der Welt? Wenn man in den griechischen Text der Offenbarung schaut, dann lässt sich dieser Vers auch sehr genau übersetzen mit: „Siehe, ich erschaffe alle Dinge als neue“. Und das hört sich doch schon ganz anders an. Gott löscht nicht aus und baut neu auf, er macht nicht alles „brandneu“ – Gott erneuert, was schon da ist. Gott verändert die Welt, die er mal richtig gut gemacht hat, immer wieder, schon seit Millionen von Jahren hin zum ursprünglich Guten. Gott hält in uns die Hoffnung und das Vertrauen aufrecht, dass auch wir uns und die Welt immer werden verändern können, egal wie aussichtlos es in und um uns herum scheint. Und dabei brauchen wir nicht alles neu zu erfinden, sondern können auf das zurückgreifen, was wir schon haben.
In unserem Neujahrs-Pfarrkonvent sprach ich neulich mit zwei Kollegen über eine Fragestellung, die wir bekommen hatten: „Welche Tradition/welches Ritual könnte in diesem Jahr überraschender werden?“ Und wir dachten alle drei: Warum sollten unsere Rituale überraschender werden? Sind es nicht genau die Rituale und ihre Beständigkeit, die wir in Zeiten wie diesen wieder mehr brauchen werden? Müssen die denn jetzt auch schon neu erfunden werden? Ich jedenfalls sehne mich in diesem Jahr nicht nach noch mehr Neuerfindungen. Ich hoffe auf Erneuerung durch Rückbesinnung auf das, was wichtig ist und gut tut. In meinem Falle: mir mehr Ruhepausen gönnen, lesen puzzeln, das Handy öfter beiseitelegen. Regelmäßig Sport treiben – nicht für die perfekte Figur, sondern für den Rücken, der mich halten soll. Noch mehr gebraucht kaufen anstelle von neu. Reparieren lernen und stopfen; Reste noch besser und köstlicher verwerten. Endlich mehr bei den Menschen sein, Zeit haben und zuhören anstatt immer wieder neue Projekte zu erfinden. Eine gelassenere Version meiner Selbst zu werden und mit anderen aushalten, dass wir nicht auf alles eine Antwort haben (müssen).
Vielleicht will ich dieses Jahr, um es mit Hartmut Rosa zu sagen, mehr Ohr sein als Stimme. Für andere, aber auch für mich. Stiller werden. Nicht immer noch einen oben drauf legen, sondern mal einen Gang zurück schalten. Vielleicht finden wir Erneuerung auch da, wo wir mal nicht in das laute Getöse dieser Welt einsteigen, Recht haben wollen, streiten, es besser können, sondern wo wir in Ruhe erkennen können, was uns als Menschen in die Wiege gelegt worden ist.
Für Charlie jedenfalls hat das funktioniert, woran keiner zunächst hatte denken wollen. Ein Häschen, das einfach nur da war, still, nichts sagte, keine tollen Vorschläge und Ideen hatte. Ein Häschen, das ihm Zeit und Raum gab, sich selbst zu verstehen. Und genau dadurch konnte er wieder er werden – ein alter Charlie mit neuen Idee und frischem Lebensmut.
Ich glaube ja, das Meiste von dem, was wir brauchen ist schon da. Wir müssen uns und die Welt nicht komplett neu erfinden. Vielleicht können wir uns in diesem Jahr einfach etwas mehr fallen lassen in dem Vertrauen darauf, dass Gott genau da erneuern wird, wo wir stiller werden und hören – auf andere, auf uns selbst, auf Gott.
Ein frohes, gesegnetes und erneuerndes Jahr 2026 wünscht euch und Ihnen,
Pfarrerin Rebecca Marquardt-Groba

 

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